8:31 18th Oktober 2021

Ankommen und eine emotionale Achterbahnfahrt

Hey, Ich möchte mich zu Beginn erst einmal kurz vorstellen. Ich bin Celestine, bin 16 Jahre alt, komme aus München, Deutschland, und wohne seit 7 Wochen auf der kleinen, französischen Insel La Réunion im Süden des Indischen Ozeans. Ich lebe hier in Saint Gilles les Hauts, einer kleinen Gemeinde im Westen der Insel, auf einer Anhöhung, ca. 15 min vom Strand. Meine Gastfamilie besteht aus meiner Gastmutter Reine, ihrem Freund Gillaume, meinen Gastbrüdern Evan (16) und Emerik (14) und meiner Gastschwester Lily-Rose (5). Ich teile mir momentan ein Zimmer mit Lily-Rose. Normalerweise wäre das bei einem Altersunterschied von 11 Jahren nicht möglich, mir wurde sogar angeboten aus dem Grund zu wechseln; ich entschied mich aber es zu probieren und das war die richtige Entscheidung, denn ich fühl mich mega wohl in meiner Gastfamilie.

In diesem Beitrag werde ich mit euch teilen, wie es mir emotional die ersten Wochen ging, da ich der Meinung bin, da es wichtig ist sich auch mental auf solch eine Reise vorzubereiten. Zu Beginn möchte ich sagen, dass, so wie ich das bis jetzt mitbekommen habe, die Erlebnisse, Gedanken und Gefühle von Austauschschüler zu Austauschschüler unterschiedlich sind. Ich hatte am Anfang meiner Reise sehr mit Heimweh zu kämpfen, Andere hatten jedoch bis jetzt noch keins. Nur weil es mir so ging, muss es euch nicht auch so gehen. Und am wichtigsten, was ich bis jetzt gelernt habe: Vergleicht euch nicht mit anderen Austauschschülern!!! Den Fehler habe ich gemacht.

Woche 1 – Ankunft auf La Réunion

Heute vor einer Woche bin ich angekommen. Es ist irgendwie komisch. Die Zeit vergeht langsam und schnell zu gleich. Es fühlt sich auf der einen Seite an als wäre ich schon ewig hier, als hätte ich meine Familie ewig nicht gesehen. Und auf der anderen Seite kann ich nicht fassen, dass ich schon eine Woche weg bin. Es fühlt sich an als wäre es gestern, dass ich Mama am Flughafen umarmte. Oh Gott, wie ich alles vermisse. Ich erwische mich öfters dabei, in der Schule oder zuhause, wie meine Gedanken abschweifen. Ich male mir aus, wie es wohl wäre, wenn jemand hier wäre, den ich kenne, sei es nun Maxine, Adrian, Will, Papa oder Mama. Immer wieder zieht mich Nostalgie zurück nach Deutschland. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich ein Jahr weg bin. Irgendwie habe ich in meinem Kopf, dass ich sie alle ganz bald wiedersehe. Doch ich bin hier. Und das bleibe ich auch. Ich krieg es nicht in meinen Schädel rein, dass ich das wirklich mache, sollte ich mich nicht anders fühlen? Irgendwie anders, und nicht so wie immer. Es scheint so unwirklich nach all den Monaten an Vorbereitungen tatsächlich hier zu sein. Es fühlt sich an wie ein Traum, als wäre es nicht echt, als würde ich jederzeit aufwachen. Ich weiß noch nicht, ob ich den Traum mag oder nicht. Ich kann auch nicht sagen, ob es mit dem Heimweh schlimmer oder besser geworden ist. Ich habe zwar seit Montag nicht mehr wirklich geweint (außer beim Schreiben am Donnerstag über mein Heimweh von Sonntag), aber ich finde mich immer wieder in Situationen wieder, in denen mir die Tränen in den Augen zusammenlaufen. Sei es nun mitten im Unterricht, oder Mitten beim Abwasch. Zwar habe ich keine Heulattacken mehr. Aber dafür immer häufiger Situationen in denen ich den Tränen ziemlich nahekomme. „Früher“ hat es mich immer abgelenkt beschäftigt zu sein, etwas zu haben, aber das scheint inzwischen nicht mehr auszureichen.

Samstag, 22.09.2021: Heute war ein schöner Tag und ich war glücklich. Und trotzdem kriege ich wieder Heimweh. Nach dem Abendessen beeile ich mich mit dem Abwasch, denn ich spüre wie mir die Tränen in den Augen zusammenlaufen. Ich will nicht das die anderen sehen, wie ich weine. Und ich hasse ich das ich hier so weinerlich bin. Bei jeder Kleinigkeit. Selbst wenn ich glücklich bin, ich muss nur an zuhause denken und ich bin schon wieder kurz vorm Heulen. Es ist schrecklich. Nach dem Abspülen verziehe ich mich wieder in mein Zimmer und breche immer und immer wieder in Tränen aus. Ich kann nichts dagegen tun. Ich kann auch nicht sagen, ob ich meine Familie vermisse, oder eine. Vielleicht vermisse ich auch einfach, dass was für mich Familie ausmacht, und was meine Gastfamilie mir nicht geben kann. Vielleicht stört mich auch die Sprachbarriere, dass ich nicht ich selbst sein kann, einfach weil ich mich nicht ausdrücken kann, wie ich es möchte. Ich bin eingesperrt in mir. Ich weiß was ich sagen will, doch ich kann es nicht.

Woche 2

Sie hört ein lautes Quietschen unter sich. Ein Geräusch, dass so manche als ziemlich nervtötend empfinden. Auf, ab, auf, ab. Immer wieder blickt sie über den Garten hinweg, spürt den Wind in ihren Haaren. Sie genießt es. Immer wieder wird sie von dem Netz aus Gummi und Nylon in den Himmel geschleudert. Sie liebt ihr Trampolin.

Sie hatte es seit… seit immer eigentlich. Bei vielem ist es ihr beigestanden, sie hat auf ihm geweint, gelacht, mit Freunden gespielt, sich zurückgezogen. Es war immer dar. Es fing sie auf als sie anfangs eher mulmig zu Mute, auf ihm rumhüpfte und auch als sie sich mehr traute, Saltos schlug. Zu jeder Zeit konnte sie darauf vertrauen, aufgefangen zu werden. Und desto hoch sie auch springen mochte; es wartete immer ein Netz auf sie, dass sie vor einem Aufprall auf dem harten Boden bewahrte. Sie wusste das, und es gab ihr Geborgenheit und Sicherheit, aber auch das Gefühl frei zu sein.

Doch als sie das nächste Mal springt, sich das nächste Mal leicht und frei fühlt, das nächste Mal darauf vertraut sanft aufgefangen zu werden, ist da nichts. Das Trampolin ist fort.

Laut kommt sie auf dem schmerzhaft harten Boden der Realität an. Sie kann nicht genau sagen was ihr weh tut, aber sie fühlt sich auf einmal einsam und kleinlich.

Sie bin ich.

Über die Jahre baust du dir dein Umfeld auf. Deine Burg. Dein Netz. Und es gibt dir Geborgenheit. Sicherheit. Du verbringst gute und schlechte Tage darin. Du vertraust ihm. Es ist dein Zuhause. Deine Familie. Es lässt dich fliegen und fängt dich auf. Doch wenn das fort ist, was bleibt dir dann?

Innerhalb der ersten Woche durchlief sie die ersten 4 Phasen der Trauer mehrmals. Leugnen, Wut, Feilschen/Verhandeln und Depression. Ihr Verlust schmerzte. Sie vermisste ihr Trampolin. Sie vermisste die Geborgenheit und zugleich die Freiheit, die es ihr gab. Das Vertraute. Es schmerzte, dass das alles fort war. Alles so fremd.

In der zweiten Woche baut sie ihr neues Trampolin auf. Sie hat Spaß daran, und sie freut sich darauf es zu benutzen zu können. Sich dort genauso wohlzufühlen wie bei ihrem alten. Immer wieder hält sie inne und blickt schmunzelnd zurück auf die Erinnerungen, die sie mit ihrem alten hatte. Ihre Trauer hatte angeschwellt. Und obwohl sie ihr altes Trampolin immer noch vermisste, ging es ihr besser. War sie in der letzten Phase des Trauerns angelangt? Akzeptanz? War es das? Zumindest war sie auf dem Weg dorthin.

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Woche 3

Im Laufe der Woche sehe ich andere Austauschschüler abfliegen. Über Instagramm oder weil es Freunde sind. Und ist es nun Frankreich, England, Spanien oder die USA. Ich fühle immer das gleiche. Es ist Schmerz. Ich kann nicht genau sagen, woher er kommt. Ob ich mehrere andere Austauschschüler einen Fehler machen sehe, in ihr Unglück reiten sehe? Aber das ist es doch nicht. Es ist kein Fehler. Und auch kein Unglück. Ich denke zu sehen wie andere Abfliegen, erinnert mich selbst an meinem Abschied. Daran, wie ich am Flughafen nicht aufgeregt war. Daran wie ich mich gefühlt habe, und was ich hätte fühlen sollen. Daran wie ich bis zum Schluss den Gedanken, ein Jahr weg zu sein verdrängte. Daran wie ich mich dementsprechend nicht gescheit verabschieden konnte. Nicht abschließen konnte. Ich beklebte eine Stichwunde mit einem „Hey Wicky“-Pflaster und überließ sie ihrem Schicksal. Ich denke ich hätte die letzte Zeit daheim besser verbringen sollen. Verdrängen war der falsche weg. Und das ist es was schmerzt, ich bin gegangen, ohne Tschüss zu sagen. Und jetzt liegt es daran nicht zu verbluten.

Damit ist es nicht vorbei. Ich bemerke die Tage, wie ich mich immer mehr mit den anderen Austauschschülern vergleiche. Sei es auf la Réunion oder gar mit Charlotte in England. Ich frage mich ob die anderen sich schneller integrieren wie ich. Ich beneide Ann-Kathrin dafür, dass sie Johanna hat, und Johanna dafür, dass sie Ann-Kathrin hat. Ich erwische mich dabei, wie ich nachsehe wo die anderen wohnen, mit Gastgeschwistern in ihrem alter, die mit ihnen zur Schule gehen und ich frage mich, ob es das einfacher machen würde. Ich stelle mir auch die Frage, ob ich nicht doch hätte nach Frankreich gehen sollen, oder nach England. Denn das Frankreich, dass ich so liebe, gibt es hier nicht. Das europäische Frankreich. Es gehört zwar zu Frankreich, ist aber dennoch ein anderes Land, das macht es nicht weniger schön, es ist halt nur… anders. Und zu sehen wie Charlotte in England in ihrem süßen kleinen Städtchen, in ihrem süßen kleinen typisch englischen Häuschen lebt und zu wissen, wie einfach es wäre, das Ganze auf Englisch machen zu können, lässt mich zweifeln. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden, ich hatte eine großartige Woche und lebe mich hier sehr gut ein. Aber ich bemerke wie ich mich mit anderen Vergleichen, und auch, dass mir das nicht guttut. Denn ich sollte mich ja schließlich auf mich und nicht das andere Konzentrieren, was Social Media leider sehr erschwert.

Woche 4 & 5

Der Schmerz, von dem ich anfangs überwältigt worden bin, ist vorbei. Er wurde verarbeitet und akzeptiert. Der Alltag pendelt sich langsam wieder ein. Ich habe gute Phasen und Schlechte Phasen. Teilweise ändert sich das sogar stündlich. Ich bin relativ emotional, seit ich hier bin.

Ich bemerke auch wie ich meine Freunde vermisse. Ich vermisse, die Vertrautheit, ich vermisste das ich jemanden so gut kannte und sie mich auch. Ich vermisste das Vertrauen und die Bedingungslosichkeit einer starken Freundschaft. Ich habe hier Freunde, aber eben noch keine starke Bindung zu ihnen und das braucht auch seine Zeit.

Woche 6

Wow. Sechs Wochen bin ich schon hier. Einen Monat und zwei Wochen. Ich merke, wie ich mich hier so langsam einlebe. Ich kann viel besser sprechen, spontaner, ohne 5 min vorher nachzudenken. Ich fühle mich auch wohler und freier beim Sprechen, lasse teilweise auch etwas Ironie bzw. Sarkasmus raus. Ich verstehe die Witze im Unterricht und muss nicht immer nur aus Gruppenzwang mitlachen. Das meine Sprachbarriere langsam nachlässt ist eine Riesenhilfe. Ich fühle mich langsam hier zu Hause, fühle mich wohl. Auch in meinem Klassenverband. Ich habe das Gefühl ich bin nicht mehr nur die Deutsche Austauschschülerin, sondern echt ein Teil der Klasse. Es ist MEINE Klasse, MEINE Schule, MEINE (Gast) Familie, MEIN Zuhause. Zumindest wird es das langsam. Mit meiner Gastmutter habe ich immer öfter „Deep-Talk“, und ich fühle mich immer mehr aufgenommen. Ich bilde mir einen Rhythmus, kenne langsam die Abläufe, kenne meinen Stundenplan so gut wie auswendig und blicke durch das Bussystem. Ich bin weniger schüchtern, und kann mit den Leuten lockerer umgehen. Ich habe meine Freundesgruppe(n) und meine Klassenkameraden. Ich habe manche Leute gern und andere eher weniger. Aber auch das zeigt, dass ich angekommen bin.

Generell was ich über meine ersten 6 Wochen sagen kann:

Es ist hart und fordert viel Kraft. Viel Energie. Das hat mir auch mein Köper gezeigt. Das erste Mal seit Ewigkeiten war ich hier wieder krank, und auch mein Hormonhaushalt spielt verrückt. Seien es die Pickel oder der unregelmäßige Zyklus (und das gilt genauso für die meisten anderen Austauschüler, mit denen ich gesprochen habe).

Du wirst zweifeln, wirst gute und schlechte Tage haben. Aber das ist normal! Bei mir war es die erste Woche. Bereits an Tag zwei, wollte ich nichts lieber als nach Hause, ich hätte nicht gedacht, dass ich da sein Jahr aushalte, aber mich gezwungen durchzuhalten und es wurde besser. Es ist ein holpriger Weg, ein Weg, den ich gerade erst beginne zu laufen, aber es wird immer besser. Und auch wenn es am Anfang unglaublich viel auf einmal ist, so ergibt sich alles schon irgendwie. Es kamen unglaublich viele Leute auf mich zu, und nach wenigen Tagen kannte ich so viele, dass ich den Überblick verlor (ehrlich, vor allem das Namenmerken ist schwierig. Alle kennen deinen Namen aber du ihre nicht und irgendwann wird es unangenehm zu fragen. Aber auch das kommt mit der Zeit). Bei vielen dachte ich mir: das werden jetzt meine Freunde, und wir haben nie wieder etwas gemacht. Die Leute kommen und gehen. Und es braucht Zeit, Geduld und Kraft, aber letztendlich ERGIBT SICH ALLES SCHON IRGENDWIE! Irgendwie findest du deine Leute. Mach dir keinen Stress und setzt dich nicht unter Druck.

Celestine

La Réunion

Celestine verbringt ihr Auslandsjahr 2021/22 auf La Réunion, einer französischen Insel im pazifischen Ozean. Hier kannst du sie bei ihren Abenteuern während des Schüleraustausches begleiten.

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