Dr. Frank Sprachen & Reisen

Ausland macht schlau!

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Lina in Schweden

Gastfamilie - Vom Einzelkind zur Großfamilie

Als Einzelkind groß geworden, habe ich mir immer mal vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich Geschwister hätte. Ich hatte mir immer kleine Geschwister gewünscht. Als ich dann jedoch erfuhr, dass ich die nächsten zehn Monate mit gleich vier „fremden Geschwistern“ und deren Eltern leben würde, war das erst mal eine Überraschung und eine ziemliche Umstellung.

Das Ganze fing schon bei den Gastgeschenken an: was möchte ein sechsjähriger Junge? Was finden zehnjährige Mädchen toll? Womit macht man einem schwedischen Teenie eine Freude? Gut, dass es meine Gastmutter gab, die mir Tipps gegeben hat im Bezug auf ihre Hobbys, so dass ich mich im Endeffekt für einen Fußball, Süßigkeiten und andere Kleinigkeiten entschieden habe. Am Flughafen angekommen wurde ich nur von meiner Gastmutter abgeholt, denn wie ich schnell lernen sollte, ist es nicht immer so leicht, mit sieben Personen mal eben so etwas zu unternehmen. In meinem neuen Zuhause angekommen schauten zwei Äuglein aus dem Fenster, die ich sogleich in mein Herz geschlossen hatte; mein kleinster Gastbruder stand dort und hat mir zugewunken - Das kann nur gut werden! Drinnen wurde ich dann von allen mit einer herzlichen Umarmung empfangen und nach kürzester Zeit war die Nervosität auf beiden Seiten verschwunden und ich wurde von meinen Gastgeschwistern zu einem Just Dance – Duell auf der Spielekonsole aufgefordert. Auch wenn die Kommunikation am Anfang zwar etwas schwer war, da weder der Sechsjährige noch die Zehnjährige so gutes Englisch sprachen und mein Schwedisch nur für das Nötigste reichte, wurden mir sofort alle Räume und Spielzeuge von ihnen gezeigt.

Nach einigen Wochen verstand ich mich bereits richtig gut mit meinen Gastgeschwistern, wir haben uns gegenseitig die Haare geflochten, haben Filme zusammen geschaut oder haben Fußball gespielt. Und mit der Zeit sind wir immer enger zusammengewachsen. Sogar soweit, dass ich sie irgendwann nicht mehr meine GASTgeschwister sondern einfach nur meine Geschwister genannt habe, da es ja in meiner Familie in Deutschland niemanden gab, der diesen Platz und Namen beanspruchte.

Aber es war nicht immer alles „Friede, Freude, Eierkuchen“, genau wie mit echten Geschwistern auch, ist man irgendwann von ihnen genervt oder versteht sich mal nicht so gut. Ich würde fast sagen, dass es eventuell sogar etwas schwerer ist. Da du ja „nur“ Gastschwester bist, hast du nicht wirklich das Recht, dich einzumischen, wenn deine Gastgeschwister sich streiten und das kann einem auf Dauer auch ganz schön auf die Nerven gehen, so erging es mir zumindest. Zwei meiner Gastgeschwister waren gerade in der Pubertät und hatten sich ständig in der Wolle und haben natürlich auch mit meinen Gasteltern gestritten, auch das gehört zum Familienleben dazu. Das Beste ist, wenn man sich ein bisschen anpasst und sich nicht direkt einmischt, aber wenn es einen mehr beschäftigen sollte, ist es auch immer eine gute Idee, mit den Gasteltern bzw. dem Koordinator zu reden.
Ich finde, auch so etwas gehört dazu, man kann schließlich nicht erwarten, dass die Gastfamilie zehn Monate lang nur „perfektes Verhalten“ an den Tag legt, sie sind ja auch nur Menschen.

Nach einer gewissen Zeit war es zwar schon anstrengend, dass man kaum allein war und immer irgendwer mit dir Zuhause war, aber jetzt wo ich wieder in Deutschland zurück bin, fällt einem auf ein mal die Stille auf – ziemlich ungewohnt, wenn plötzlich alles still ist und man wieder allein ist.

Alles in Allem kann ich dich beruhigen, wie besorgniserregend und ungewohnt es am Anfang auch seien mag, wirst du schnell bemerken, dass das Leben mit Geschwistern gar nicht so anders ist. Schneller als man sich versieht, kennt man alle Kinderserien, die aktuell laufen, den neusten Gossip aus der vierten Klasse, die Namen der Lieblings-Eishockeyspieler und ist ein vollwertiges Familienmitglied.


Als ich Deutschland verlassen habe, war ich Einzelkind. Heute habe ich vier Geschwister und eine zweite Familie, die mir genauso wichtig ist wie meine!