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Dr. Frank Sprachen & Reisen

Ausland macht schlau!

Ein Gastkind aus den USA

Jacob aus den USA - Wie aus Fremden Freunde werden

Es ist kaum zu glauben, doch es ist tatsächlich schon neun Monate her, seit wir unseren amerikanischen Gastschüler Jacob Ende August vergangenen Jahres in Heppenheim abholten. Groß, schlaksig und deutlich unter Stress machte er auf uns ein wenig den Eindruck eines jungen Welpen, der eigentlich noch in sein Fell hinein wachsen müsste, und irgendwie zu früh aus dem Körbchen geplumpst ist. Überfordert, übermüdet und um Selbstsicherheit kämpfend bemühte er sich artig um Konversation, krampfhaft nach den wenigen deutschen Worten suchend, die er schon gelernt hatte.

Irgendwann auf der langen Fahrt nach Hause verwechselte er dann auch noch die Vornamen unserer Kinder (ein Sohn und eine Tochter), und das Gespräch erstarb. Viel später vertraute er uns an, dass er in diesem Augenblick dachte, „Jetzt habe ich mich als kompletten Idioten geoutet, das Jahr ist gelaufen, am besten du fliegst direkt wieder nach Hause!“ Uns war dieser kleine Fauxpas nicht einmal aufgefallen, und wenn, hätten wir höchstens darüber geschmunzelt.

Die ersten Tage bei uns zu Hause waren geprägt von seiner Unsicherheit und da seine Deutschkenntnisse sehr gering waren, mussten wir zwischen 2 Möglichkeiten wählen: Helfen wir ihm die Sprache zu erlernen und verweigern wir ihm unsere Englischkenntnisse, oder helfen wir ihm, echte Sicherheit zu gewinnen und mit uns vertraut zu werden? Wir entschieden uns für die Vertrautheit, in der Hoffnung, dass sich der Rest dann von alleine einstellt, und sprachen fortan zu jeder Mahlzeit englisch.

Unsere Rechnung ging auf und Jacob kam innerhalb weniger Wochen auch emotional in unserer Familie an. Er integrierte sich völlig selbstverständlich, übernahm ungefragt kleine Aufgaben im Haushalt und ist längst der heiß geliebte große Bruder unserer 2 Kinder. Und auch sie profitieren enorm von dieser Entscheidung, denn inzwischen sprechen beide ausgezeichnet englisch. Kulturell gab es natürlich auch für beide Seiten einiges zu lernen.

So war zum Beispiel Thanksgiving mit Truthahn und pumpkinpie (Kürbiskuchen) eine besondere Erfahrung für uns alle. Fünf Kilo Truthahn an einem Stück gar zu bekommen, ohne ihn komplett aus zur trocknen, war dabei noch das geringere Problem aber der pumpkinpie war eine echte kulinarische Herausforderung. Jacob hat ihn dann trotzdem tapfer aufgegessen und sogar gelobt!

Die winterlichen Feiertage von Thanksgiving bis Silvester waren aber nicht nur ereignisreich und spannend sondern teilweise auch besonders schwierig, da von Heimweh überschattet. Zum Glück hatten wir damit schon so unsere Erfahrungen und wussten, dass das neue Jahr neue Energien freisetzen wird. Und genau so war es dann auch. Plötzlich begann Jacob wie selbstverständlich Tag für Tag mehr deutsch zu sprechen, trat in den Schwimmverein ein, wurde regelmäßiger Besucher des Fitnessstudios, spielte wieder Saxophon und lernte seine ersten Schritte auf dem Tanzparkett.

An Ostern fuhren wir gemeinsam zum Campen nach Wien, und hätte es bis dahin noch eine Barriere zwischen uns gegeben, da hätten wir sie endgültig gebrochen. Den nächsten Campingurlaub in Italien kann er inzwischen kaum noch erwarten

Jeden Tag ist er ein wenig mehr wie ein Sohn für uns geworden, der gerne des Gastpapas Hilfe bei Computer und Technikfragen in Anspruch nimmt, Gastmamas Fahrdienste schätzt und es genießt, die Wochenenden mit Freunden bis in die (manchmal) frühen Morgenstunden "ab zu hängen". Und unser Stolz, ihn zum Abschlussball des Tanzkurses zu begleiten, hätte kaum größer sein können, wenn Jacob unser eigenes Kind wäre.

Mit jedem neuen Kontakt den er in Deutschland knüpfte wurde er heimischer, so heimisch, dass er nun schon verzweifelt die Tage zählt, die ihm noch bleiben, bis er wieder nach Hause muss. Wir hingegen zählen nicht, sondern verdrängen den Gedanken an seine Abreise so gut es geht, denn auch uns es fällt uns außerordentlich schwer, uns vor zu stellen, dass der Tag kommt, an dem wir auf seinen trockenen Humor seine selbstironischen Anekdoten, seine hilfsbereite Art und seine jugendliche Unbeschwertheit verzichten müssen.

Es war ein ganz besonderes Jahr für uns alle. Einen jungen Menschen auf einem so aufregenden, abenteuerlichen Weg wie einem Auslandsjahr zu begleiten, zu sehen, wie er täglich erwachsener und reifer wird, ja, im Endeffekt ein fremdes Kind auf zu nehmen und dann einen gut befreundeten jungen Erwachsenen wieder gehen zu lassen, ist etwas einmaliges, das nicht nur die Weltoffenheit des Gastes sondern auch die der Gastgeber eindeutig erweitern kann.

Moni Kippelt

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