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Dr. Frank Sprachen & Reisen

Ausland macht schlau!

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Malcom aus Kanada

Unser Sohn Thomas hatte sich entschlossen, ein halbes Jahr in Kanada zu verbringen und so fuhren wir zu einer netten jungen Dame nach Hannover, wo das Erstinterview stattfand. Auf unsere Frage, ob sie uns etwas darüber sagen könne, wie man eventuell Gastfamilie wird, verwies sie uns an die Zentrale in Heppenheim. Also rief ich dort montags an und bekam die Auskunft: „Toll, wir müssen noch drei Jungen aus Kanada unterbringen. Sie kommen Ende August." Zu dem Zeitpunkt war es kurz vor den Sommerferien und wir hatten selbst einen vierwöchigen Aufenthalt in den Staaten geplant. Aber anschauen könnte man sich die Bewerbungen ja mal, so ganz unverbindlich. Dienstags waren sie in der Post und mittwochs habe ich wieder in Heppenheim angerufen und gemeldet: „Wir wollen Malcolm!" Das war eine der spontansten und besten Entscheidungen unseres Lebens.
 
So fuhren wir dann im August zum Bahnhof nach Hannover um unser neues Familienmitglied in Empfang zu nehmen. Ein junger Mann, 17 Jahre alt, der uns gleich herzlich umarmte und anlächelte. Schnell war klar, dass er wunderbar in unsere Familie passte und mit Gastpapa, Gastbrüdern und vor allem Gastmama prima zurechtkam. Gemeinsame Familienessen gab es wieder häufiger, bei Ausflügen lernten wir Ecken unseres Heimatlandes kennen, die wir allein vielleicht nie besucht hätten, es gab intensive Gespräche und gemeinsame Spieleabende. Wir haben zusammen gekocht, Deutsch gelernt, Politiktexte für die Schule gelesen, unsere Söhne wurden immer fließender in Englisch und Malcolm immer besser in Deutsch, und das obwohl er völlig ohne Deutschkenntnisse hergekommen war. Zudem brachte unser „großer" Sohn viele nette Schulkameraden mit zu uns, so dass unser Haus immer voller Leben war, wobei die „kleinen" Brüder, obwohl 2 bis 3 Jahre jünger, völlig selbstverständlich einbezogen wurden und sogar ich oft gefragt wurde: „Willst du mit pokern, sollen wir dir das Computerspiel beibringen, spielst du mit Trivial Pursuit?" Ein erhebendes Gefühl für eine Mutter zweier pubertierender Jungs, die Eltern nur peinlich finden. Zu den schönsten Erlebnissen gehörten unser gemeinsamer Winterurlaub in Flachau, unsere Fahrt in unsere Hauptstadt Berlin und unser Abschlussurlaub in Frankreich, wo wir dank Malcolm´s eifriger Übersetzungen besonders gut zurechtkamen.
 
Nun ist Malcolm nach einem tränenreichen Abschied wieder in Montréal, wir telefonieren regelmäßig und wollen ihn in den nächsten Sommerferien besuchen. Wir sind auch von seinen Eltern, mit denen wir viele schöne und intensive Telefongespräche hatten, herzlich eingeladen. Hier in Deutschland bleibt uns zu dem Gefühl, einen weiteren Sohn gewonnen zu haben, noch der Kontakt zu einigen von Malcolm´s Freunden. Unser Sohn Marcus trifft sich ab und zu mit Malcolm´s bestem Freund, unser Sohn Thomas sieht in der Pause oft die „Großen" aus Malcolm´s Stufe und mein Mann übt mit zwei Freunden von Malcolm Mathe und Physik. Ziemlich zu Beginn seines Aufenthaltes bei uns habe ich Malcolm gesagt: „Du bist das Beste, was unserer Familie passieren konnte!" Und jetzt, nachdem er ein Jahr bei uns und mit uns gelebt hat, kann ich nur sagen, es stimmt.
 
Malcolm: „Wie, ihr habt noch nie einen ganzen Truthahn gemacht?" Karin: „Nein, in Deutschland ist das nicht so üblich. Aber wenn du ein Rezept besorgst und hilfst, ihn zuzubereiten, können wir zu Thanksgiving gerne einen machen." Malcolm: „Klar, ich rufe gleich meine Ma an." Daraufhin ging ich zum Markt, fragte den Geflügelhändler, wie schwer ein Truthahn für ca. 10 bis 12 Personen sein sollte und bestellte wie empfohlen ein Tier von 7 Kilo. Als ich ihn dann abholte, wog er 8 Kilo, „weil man das nicht so genau sehen kann, wenn der noch rumläuft." Inzwischen hatte Malcolm´s Mutter ein Rezept gemailt, für einen Truthahn von 4 Kilo für 8 bis 10 Personen! Als Malcolm sie fragte, wie er nun mit der doppelten Menge umgehen solle, fiel seiner Mutter der Telefonhörer aus der Hand. Nachdem sie ihn wieder aufgehoben und sich eine Sitzgelegenheit gesucht hatte, erklärte sie, er solle das Rezept verdoppeln und den Truthahn acht Stunden im Ofen lassen. Nun musste sich Malcolm einiges über „skinny turkeys" in Kanada anhören, wo er doch erzählt hatte, die seien bei ihm zu Hause riesig. Zu seiner Verteidigung brachte er vor, dass die Truthähne in seiner Heimat schon groß seien, aber eben keine Monster. Fortan sprach die ganze Familie nur noch vom „Monsterturkey". Malcolm bereitete Füllung und Marinade für das Tier vor und schob es voller Erwartung in den Backofen, den es komplett ausfüllte. Den ganzen Tag lang waren alle Familienmitglieder damit beschäftigt, unserem Chefkoch zur Hand zu gehen, den Truthahn zu begießen, die Beilagen zuzubereiten und den Tisch zu decken. Schnell wurden noch die Nachbarn und einige Freude von Malcolm eingeladen, damit eine Chance bestand, zumindest einen Großteil des Tieres zu vertilgen. Als der Riesenvogel endlich fertig auf dem Tisch stand, Malcolm ihn zerteilte und alle nach dem ersten Bissen lobten, wie toll er schmeckte - und das tat er wirklich - konnten wir alle einen unglaublich stolzen und glücklichen Malcolm erleben, der mit seinen 17 Jahren wahrscheinlich einen größeren Truthahn zubereitet hatte, als seine Mutter und Großmutter es jemals getan hatten.