Dr. Frank Sprachen & Reisen

Ausland macht schlau!

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Unsere Erfahrung als Gastfamilie

Warum sollten wir einen Gastschüler bei uns aufnehmen, das macht doch nur Arbeit, oder?

So haben wir noch vor sechs Monaten gedacht. Und jetzt? Liegt eine spannende, abwechslungsreiche, interessante und sehr prägende Zeit hinter uns, die wir nicht missen möchten.

Aber von vorne: Alles begann vor etwa drei Jahren, als unser großer Sohn plante, für ein Schuljahr ins Ausland zu gehen. Es folgten Monate der Vorbereitung und Planung und Anfang September war es soweit, wir verabschiedeten ihn am Flughafen für zehn Monate nach Kanada. Nicht ahnend, wie es uns in den nächsten Wochen gehen würde. Unser Sohn war sportlich sehr aktiv, engagierte sich in sozialen Bereichen, hatte eine tolle Freundesgruppe und war eigentlich fast nie zuhause. Und trotzdem vermisste ich ihn in den nächsten Wochen unfassbar. Warum hatten wir uns und unserem Sohn das angetan? Aus einem engen Familienverhältnis und seinem Freundeskreis herausgerissen, in ein weit entferntes Land, in eine vollkommen fremde Familie mit anderer Sprache und Kultur.

Unser Sohn sah das schnell ganz anders. Schon bald kam die Bitte: „Räumt das Gästezimmer auf, das ist so eine tolle Erfahrung, die möchte ich auch einem anderen Jugendlichen ermöglichen: Wir nehmen einen Gastschüler auf.“

Doch dann kam Corona. Unser Sohn musste seinen Aufenthalt in Kanada buchstäblich von heute auf morgen abbrechen und unser Gästezimmer wurde zum Homeoffice – kein Platz mehr für einen Gastschüler.

Ein Jahr später steckten wir mitten in den Vorbereitungen für den Auslandsaufenthalt unseres jüngeren Sohnes. Anfang Juli wollte ich auf der Homepage von DFSR Erfahrungsberichte von Schülern aus Kanada lesen und stieß auf die Seite „Wir suchen Gastfamilien…“ Ungläubig rief ich bei der Organisation an und fragte nach, ob jetzt wirklich noch Gastfamilien gesucht werden, das Schuljahr beginnt doch bereits in acht Wochen. Tatsächlich, es gab einige Schüler, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Gastfamilie hatten. Und so entschieden wir uns ganz kurzfristig, einem fremden Kind ein Zuhause auf Zeit geben zu wollen. Da wir selbst zwei Söhne haben, wünschte ich mir eine Tochter und nach Italien wollten wir schon länger mal in den Urlaub. Also gaben wir an, eine Gastschülerin aus Italien aufnehmen zu wollen, die sportlich und unternehmungslustig ist, wie wir selbst. Wir bekamen Profile zugeschickt, lasen die Briefe der Austauschülerinnen, sahen uns die Fotos an und hatten uns recht schnell auf ein Mädchen geeinigt - Corinna.

Fast genau an dem Tag, an dem unsere zukünftige Tochter von uns erfuhr, erhielt unser Sohn die Nachricht, dass es in Kanada eine Familie gibt, die ihn aufnehmen möchte. Ich fand es spannend, sich vorzustellen, wie eine andere Familie in Italien – genau wie wir hier – die ersten Informationen bekommt, die Fotos genau anschaut: wieviele Kinder gehören zur Familie, wie alt sind sie, wo wohnt die Familie? und sich vorstellt, dass das eigene Kind in dieser Familie leben wird….

Kurze Zeit später war es so weit. Wir standen am Flughafen, um unsere Gasttochter in Empfang zu nehmen. Wer war wohl aufgeregter: wir vier mit unserem Willkommensplakat  oder die kleine Italienerin mit ihrem großen Koffer, die zum ersten Mal ohne Familie und Freunde verreiste? Der erste Abend wird ihr sicher in Erinnerung geblieben sein: unser jüngerer Sohn war aufgrund seines bevorstehenden Abflugs total aufgeregt und redete in einer Tour so schnell, dass sie fast nichts verstanden hat.

Schon in den nächsten Tagen wussten wir, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, eine Gasttochter aufzunehmen. Es waren noch Ferien und wir nutzten die freie Zeit, um Corinna die Umgebung zu zeigen: auf dem roten Faden durch Hannover, Besuch der Herrenhäuser Gärten, Schifffahrt auf dem Steinhuder Meer zum Wilhelmsstein – ohne unseren Gast hätten wir das nicht gemacht. Es waren für uns schöne Urlaubstage, in denen wir uns immer besser kennenlernten und die die Anfangsphase des Austauschs vereinfachten.

Dann begann der Alltag. Wir schlugen Corinna vor, in unseren Sportverein einzutreten. Als ehemalige Leistungsturnerin war sie als Helferin bei den jüngeren Mädchen sehr willkommen, außerdem ging sie zum Volleyball und Pilates. Damit waren die Nachmittage gut ausgefüllt. An den Wochenenden unternahmen wir Ausflüge in die nähere oder weitere Umgebung: Wanderung auf den Brocken, Besuch bei den Großeltern und Stadtbesichtigung in Braunschweig. An einem Wochenende besuchte uns Corinnas Schulfreundin aus Italien, die gerade in Münster in einer Gastfamilie lebte. Die beiden haben für uns „echte“ italienische Pizza gebacken und Tiramisu gemacht. In bleibender Erinnerung ist unser gemeinsamer Urlaub in den Herbstferien in Berchtesgaden. Von ihren Bewerbungsfotos wussten wir, dass sie auch mit ihrer Familie gerne wandert und viel fotografiert. Bei herrlichem Herbstwetter wanderten wir auf die Gipfel rund um den Königssee und genossen die beeindruckende Sicht auf das Berchtesgadener Land, den Königssee und die Alpen. In dieser Zeit sind wir als Familie richtig zusammengewachsen. Corinna verstand inzwischen (fast) alles und sprach auch immer besser Deutsch. Allmählich kam ihr Humor zum Vorschein, wir hatten eine wunderschöne Zeit und viel Spaß.

Wieder zuhause angekommen, erreichte uns das erste große Paket aus Italien mit leckerem Käse, besonderen Nudeln, Pesto und von der Oma selbstgemachten Ravioli – für unseren Sohn extra als vegetarische Variante. An den nächsten Wochenenden bereitete Corinna italienisches Essen für uns zu. Damit wurde es für uns immer mehr zu einem wirklichen „Austausch“: nicht nur wir haben ihr die deutsche Kultur gezeigt, sondern auch wir erfuhren immer mehr über Italien.

Ab November trafen uns leider die Corona-Einschränkungen. Das Training im Sportverein wurde fast komplett abgesagt. Damit keine Langeweile aufkam, nutzen wir die freien Nachmittage zum Plätzchen backen: bewährte und neue Rezepte aus Deutschland, aber auch aus Italien. Noch nie haben wir so viel gebacken und nachmittags gemütlich bei Kerzenschein zusammengesessen und die selbstgebackenen Plätzchen genossen. Zum Glück blieb der Weihnachtsmarkt in Hannover geöffnet, so dass wir ihr diese Tradition zeigen konnten. Leider konnte Corinna aufgrund der Corona-Einschränkungen nur wenig mit Gleichaltrigen unternehmen, weil viele Veranstaltungen oder Aktionen vor allem in der Vorweihnachtszeit nicht stattfanden. Dafür hatten wir selbst aber auch weniger Termine und haben als Familie viel Zeit zusammen verbracht: wir haben abends gemeinsam gespielt, deutsche Filmklassiker geguckt und Weihnachtsgeschenke gebastelt und verpackt. Voller Vorfreude, ob uns ihre Geschenke wohl gefallen würden, fieberte unsere Gastschülerin dem Weihnachtsfest entgegen. Es waren schöne Tage, Corinna gehörte inzwischen ganz selbstverständlich zur Familie. An den Feiertagen gab es schlesische Weißwurst bei den einen Großeltern und Gans bei den anderen und unter jedem Tannenbaum lagen auch Geschenke für die „neue Enkeltochter“.

Da Corinna leider Mitte Januar schon wieder abreisen musste, wir ihr aber unbedingt noch die Nordsee zeigen wollten, fuhren wir zwischen Weihnachten und Neujahr einen Tag nach Ostfriesland. Leider erlebte sie typisches Nordseewetter mit heftigem Wind und viel Regen. Aber auch das tat ihrer guten Laune keinen Abbruch.

Dann hieß es leider, Koffer packen und Abschied nehmen. Was uns nach dem emotionalen Abschied am Flughafen bleibt, ist die beeindruckende Erfahrung, ein fremdes Kind zu einer Schwester, Tochter und Enkeltochter werden zu sehen, sowie die Vorfreude auf die bereits geplanten Besuche. Wir möchten diese Erfahrung gerade auch Familien empfehlen, deren Kinder einen Auslandsaufenthalt planen. Aus unserer Sicht ist es eine gute Vorbereitung, den Austausch quasi „von der anderen Seite zu erleben“. Es ist aber auch eine gute Erfahrung, einen Gastschüler aufzunehmen, während das eigene Kind im Ausland ist, um parallel zu erleben, wie schnell sich Gastschüler in der neuen Umgebung einleben, die fremde Sprache lernen und neue Freundschaften schließen.

Natürlich braucht ein neues Familienmitglied gerade am Anfang Unterstützung und kostet Zeit, aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase haben wir die gemeinsame Zeit als große Bereicherung empfunden und können die Aufnahme eines Gastkindes nur empfehlen. Und so planen wir gerade unseren Urlaub in Italien, um Corinna wiederzusehen und ihre „andere“ Familie kennenzulernen.